Nabucco

Nabucco's Verdi Opera realised for Mainfranken Staatstheater Würzburg

Nabucco

Zwischen Fanatismus und Idolatrie
Gedanken zur Inszenierung von Verdis Nabucco 

In Nabucco setzt sich der junge und antiklerikal eingestellte Verdi mit dem jahrhundertealten und tiefgreifenden Konflikt zwischen Religion und Götzendienst auseinander. In der Oper wird dieser Antagonismus ohne Umschweife ausgedrückt: Dem Judentum stehen die Gottheiten des Baal gegenüber, Jerusalem Babel, der Heiligen Stadt – jenem spirituellen Epizentrum – tritt das Symbol der Opulenz und des Verderbens entgegen. Blieben diese Divergenzen für Jahrtausende klar und unbestreitbar – und die dazugehörigen Auseinandersetzungen wurden als Fragen des fernen Mittleren Ostens betrachtet –, so hat sich diese Wahrnehmung im letzten Jahrhundert, während der Jahre des britischen Mandats in Palästina, in paradoxer Weise umgekehrt: Während der 1920er bis 1940er Jahre wurde Jerusalem zum neuen Babel getauft! Aus diesem modernen Widerspruch geht eine einfache Frage hervor: Wer repräsentiert in dem vergangenen Jahrhundert Babel, den Orient oder eher den Okzident? Für die Regie dieses Nabucco habe ich mich entschlossen, dieser umgekehrten Perspektive zu folgen, die Geschichte Jerusalems speziell in der historischen Periode der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu erforschen und in kritischer Weise die politischen, geopolitischen und vor allem die Handelsinteressen zu untersuchen, die der Westen in der Stadt verfolgte und bis heute verfolgt. Die Priester des Baal sind Vertreter verschiedener Kirchen und Interessengruppen, die die Entscheidungen der neuen Regierung unterwandern, während die Hebräer – mit ihrem wachsendem Eifer und Aktivismus – zunächst nur Mittel zum Zweck sind, schließlich zu einer wahrhaften Last für die britische Mandatsmacht in Palästina werden. Parallel zur leidenschaftlichen Geschichte Jerusalems, zur Entschlossenheit des jüdischen Volkes, zum aus dem Westen importierten Kult der Prahlerei  droht das Ereignis einer Familientragödie.  Nabucco, der Politiker, der unmenschliche Mensch hält die Konfrontation mit dieser privaten und persönlichen Tragödie nicht aus. Die Parallelhandlungen im Nabucco greifen ineinander, Fanatismus und Idolatrie werden zum eigentlichen Grund der Zerstörung Nabuccos wie seiner Töchter.

Press comments

Pamela Recinellas hoch spannende „Nabucco“-Inszenierung für das Mainfranken Theater, die am Samstag Premiere feierte, kommt freilich ohne tagespolitische Anspielungen aus. Die italienische Regisseurin siedelt das Stück während des britischen Mandats in Palästina an, wobei Jerusalem zum Babel aus dem Libretto wird und die Hebräer damit zu Deportierten im (noch nicht) eigenen Lande.Interessanterweise gelingt es Recinella, vor diesem komplizierten zeitgeschichtlichen Hintergrund die an vielen Stellen nicht minder verwirrende Handlung schlüssig und stringent zu erzählen. Die Schnittstelle dafür ist die Titelfigur: Nabucco, hier größenwahnsinnig gewordener Kolonialoffizier, sprengt sozusagen den Rahmen sachlicher Kausalitäten.


 


Mathias Weidemann, Main-Post

Musik und Bühnenspiel stehen in Pamela Recinellas Inszenierung auf einer Ebene. Schon bei der Ouvertüre herrscht buntes Treiben oberhalb des Orchestergrabens (..) Haus- und Extrachor ist in ständiger Bewegung, schlüpft aktiv in Rollen, ist Handlungsteil der Inszenierung (…) sorgen für ergreifende wie erhabene Momente. (..) Optisch setzt Pamela Recinella auf der Bühne auf Opulenz. Die britische Bühnen- und Kostümbildnerin Madeleine Boyd hat dafür ein detailreiches, sehr ästhetisches Bühnenbild geschaffen mit viel Tiefe für verschiedene Handlungsebenen. Mit Verdis »Nabucco« präsentiert das Mainfranken-Theater (…) eine sehr aufwändig inszenierte Oper.

Michaela Schneider, Main-Echo

Recinella hat ihren Transfer gut durchdacht und in greifbare, unmittelbar einleuchtende Bilder gebracht. Sehr genau verwebt sie die komplexe politische Geschichte – Zaccaria und Ismaele im Widerstand gegen das fremde Herrschaftssystem – mit der privaten Katastrophe einer Familie: Nabucco, ein gefühlskalter Vater mit Empathie nur für Macht, hat für Gespräche mit seinen Töchtern offensichtlich keine Zeit. Fenena ist diejenige, die sich aus Liebe mit der revolutionären Partei solidarisiert. Und Abigaille irrt zwischen allen politischen Stühlen und emotionalen Fronten – eine verlorene junge Frau, die zu letzten Mitteln greift, um ihr eigenes Gefühls-Desaster in den Griff zu bekommen, um endlich auf sich aufmerksam zu machen und ihre unerträgliche Lage offensiv zu überwinden. Täterin und Opfer zugleich. Die Regisseurin bleibt an ihren Personen dran, behält sie stets im Auge. So gibt es keinen Leerlauf, so konventionell manche Szene auch auf den ersten Blick von Verdi und seinem Librettisten Temistocle Solera konzipiert sein mag. Recinella schafft es, mit einem Stück, das sich gerne dem Zugriff verweigert, eine schlüssige Geschichte zu erzählen. Und sie kann sich auf die Musik verlassen: So vorläufig Verdis Mittel auch sein mögen, sein leidenschaftlicher Zugriff, seine scharf geschnittenen Cabaletten, seine damals schon fantastisch erfundenen, kraftvollen Melodien tragen das Konzept mit.

Werner Häußner Online Merker

Mit ihrem fast viertelstündigen Schlussapplaus belohnten die Premierenbesucher die gewaltige Kraftanstrengung aller Mitwirkenden für eine anregende Inszenierung, die sichtbar machte, wie dünn das Eis im Spannungsverhältnis zwischen Macht und Menschlichkeit, von Liebe und Verrat, Glaubenseifer und Nächstenliebe zu werden vermag.

Felix Röttger, Fränkische Nachrichten

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